(Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheins) in Bezugnahmen auf Jungle World Nr.42, 13.10.2011 „Horror vor dem Sommer“
Selbstmord ist ein gesellschaftliches Tabuthema weil es die radikalste Absage an diese ist, mehr noch, unausweichlich die Zwänge der Formen sichtbar macht die bis ins kleinste Detail eines Lebens reichen, von denen zwischenmenschliche Beziehungen entstehen und bestimmt werden. Die Einsicht der Unveränderlichkeit prägt den individuellen Entschluss sich herauszunehmen. Kein Ja kann so deutlich sein wie dieses Nein. Es umfasst die eigene Person als Staatsbürgerin genauso wie das Moment wo sie vermeintlich frei davon ist und erkennt die Vermeintlichkeit genauso wie die Unmöglichkeit der dialektischen Zusammenhänge die über sich selbst hinausgehen könnten. Wenn das eigene Zeit verbringen unmöglich wird, und das ist es zu allen Tagen jeden Tag gewesen weil es gesellschaftlich der Rechtfertigungsstruktur unterliegt (und nicht nur die Tage sondern auch die Nächte), wenn die eigene Zeit nicht mehr verbracht werden kann weil die Anstrengungen über die eigenen Möglichkeiten nicht hinausgehen sondern ihnen unterliegen dann hat der Tod schon Einzug genommen im Leben und seine Umsetzung ist eine Frage der Seite auf der ich mich befinde (die wiederum die Sicht bestimmt die ich habe). Der Selbstmord macht unausweichlich deutlich dass es nicht ein Existieren außerhalb der gesellschaftlichen Realität gibt und dass die Zustände immer meine sind. Das Hie und Da von W. Benjamin, das Aufblitzen des Anderen (zur Kritik der Gewalt) kann immer passieren wenn Menschen sich begegnen doch niemals kann mir die Entscheidung abgesprochen werden dass das Hie und Da zu wenig ist als dass es bestimmend werden kann, ihm liegt es allein das Nein zu hinterfragen aber niemals die Qualen des Alltags zu relativieren die immer da sind. Immer bedeutet ein Leben lang, mein Leben lang denn das Leben lebt nicht (Adorno). Der Selbstmord ist wieder ein Ort an dem vom Humanen oder Inhumanen nicht gesprochen werden kann vielmehr legt er unausweichlich ihren Inhalt dar und dieser muss nun von allen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang Existierenden verdrängt werden wenn es einen nächsten Tag geben soll (für die welchen an diesen Begriffen festhalten wollen). Denn Human bedeutet nie mehr als Überleben zu dürfen für manche – nicht für alle. Was Überleben bedeutet und wer dazu berechtigt ist ist der allgemeinste Ort des Denkens eines Abstraktums: Gesellschaft. Nie hat diese Überlegung etwas mit einem konkreten Individuum zu tun, weiter ist also eine Ästhetisierung des sich gemachten Inhaltes zur reinen Form. Nur so kann Gesellschaft als solche überhaupt verstanden werden wenn sie in ihrer Bestimmung nicht vollkommen obsolet bleiben soll. Diese reine Form also ist das Wie des Überlebens das wiederum direkt das konkrete Individuum, mich, bestimmt.
Es ist eine allerletzte Respektbekundung die eine Gesellschaft machen kann indem sie den Selbstmord als Freitod wahrnimmt – der freiwillige Entzug aus dem Leben – und in diesem Leben ist sie auch immer mit einbezogen weil Individuum, egal wie einsam es ist, aus und durch sie kommt. Wenn ein Mitglied der Gesellschaft Nein sagt so gilt es vor allen Dingen sich selbst zu befragen anstatt in der Psyche des jeweils einzelnen herum zu graben der niemals mit sich alleine war außer in diesem intimen Moment des Todes, zum einzigen Mal in einem Leben wahrscheinlich. Es gilt die Verknüpfungen zu betrachten eher als die Isolierung. Nicht um den Toten zurückzuholen oder andere zu retten aber um den Geruch der Verdrängung oder auch Parfümierung zu filtern.
Genauso wenig wie der Selbstmord als Freitod kann es auch kein Recht darauf geben denn dies ist tatsächlich der einzige Bereich in dem eine Person nicht mehr als Rechtssubjekt fassbar wird und alle Religionen die mit einem Jenseits spielen versuchen den Tod noch zu verstaatlichen. Alleine deshalb schon sollte niemand nicht Materialistin sein.
Der Autor des in der Jungle World erschienen Artikels „Horror vor dem Sommer“ der sich mit der Selbstmordrate der jungen Türkinnen Berlins auseinandersetzt macht nun ganz erstaunliche Argumentationsbögen die Zeuginnen der Unfähigkeit sind Selbstmord zu einem Thema zu machen. Die Passage beginnt mit einem Zitat von Jean Améry, ein den Holocaust überlebender Schriftsteller der sich schließlich 1978 das Leben nahm – dieses verwendet er, der Autor, für die Differenzierung zwischen Selbstmord und Freitod, denn im Fall der jungen Türkinnen könne man wohl kaum „vom letzten Refugium des Humanen“ sprechen. Vielmehr.
Ja, vielmehr was? Jean Améry ist nicht der einzige der über den Freitod was gesagt hat das zitierfähig ist. Was will dieses Zitat das nur angeführt wird um den Inhalt negativ zu verwenden? Es wird eine Differenz eröffnet die den Freitod als soziologisches Phänomen betrachtet, spart dabei aber alle Unterschiede aus die es zwischen der Einzelperson Améry und der Gruppe der Türkinnen gibt. Zugleicht wird das Wort human durchwegs positiv besetzt ohne dabei zu bedenken dass es immer an das andere Wort – überleben (nicht leben) gekoppelt ist. In der Differenz sind also die Ähnlichkeiten begraben die damit hergestellt werden welche durchwegs keinen Sinn machen. Dann noch das Moment das zu Zeiten Jean Amérys es ein Nachkriegsdeutschland war, ein Land der Opfer und Täter zu welcher Zeit sich alle Deutschen in kafkaeske Opfer zu verwandeln schienen, nun aber, im Zeitalter des Deutschlands der jungen Türkinnen, „Ein Wort in aller Munde: – Le miracle économique allemand“ (Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheines), ein Land mit Zukunft scheinbar ohne Vergangenheit und Schicksal. Was für ein Unterschied. Welches Bedürfnis steckt hinter einer solch unsinnigen Verknüpfung? Doch Vergangenheit und Schicksal ins Feld zu führen mit der Unfähigkeit diese mit einer Gegenwart explizit zu verbinden? Den Wunsch nach Verbindung aber der Ahnung dass diese Erfahrbarkeit unaushaltbar wäre so konkret in der eigenen Gegenwart die eine Zukunft haben soll?
Und dann macht der Text weiter mit der durchaus richtigen Beobachtung, dass die Leute die den Freitod wählen nicht unbedingt an Depressionen leiden, wendet sich also gegen die Pathologisierung, spricht davon dass es viel zu wenig Möglichkeiten in den Berliner Strukturen gibt die eine Anlaufstelle sein könnten bevor sie ihren Entschluss umsetzten (zu wenig türkischsprachige Psychologinnen etwa) – nach diesen Ausflug in die Gesellschaft also hält jedoch wieder die Lampe der Privatheit Einzug und es handelt sich um das „Leid der jungen Türkinnen“. Das persönliche eigene also von dem sich der Autor distanzieren kann, das ihn nicht angeht.
Aber das wollte er doch gar nicht – er wollte das Gegenteil davon sagen.
Kommen wir noch einmal zurück zum Begriff des Humanen. Von Jean Améry positiv verwendet und vom Autor des Artikels positiv weitergetragen. Das Humane verweist jedoch auf eine Sphäre die Walter Benjamin als die des Rechts bestimmt hat in welcher Unglück und Schuld als die Gesetze des Schicksals das Recht bestimmen (Walter Benjamin in Schicksal und Charakter). Verschuldung als das persönliche Unglück: dies ist das Rechtssubjekt, die Person, und das Humane ist nun nichts anderes als dieses Recht auf Unglück und Schuld. „Das Recht verurteilt nicht zur Strafe, sondern zur Schuld“ (ebd.). Das Refugium des Humanen ist also folglich entgegengesetzt der griechischen Tragödie die Einsicht in die Unlösbarkeit dieses Zusammenhanges und die Bejahung der Schuld durch die Setzung des Selbstmordes (oder des Freitodes) – die Unausweichlichkeit also in einem Leben diesem Zusammenhang zu entgehen. Es ist Bejahung und zugleich Verweigerung des Rechtszusammenhanges und wie schreibt Améry in Hand An Sich Legen: „… und die Freiheit wird mit dem gewalttätigen Ausbruch aus dem Zwang verschwinden. So ist der Freitod zwar der atemgebende Weg ins Freie, nicht aber dieses Freie selber.“
Wie aber, dann wäre der Freitod die unausweichliche Erinnerung daran dass die gesellschaftliche Zusammensetzung aus Rechtssubjekten auf die Eindimensionalität des natürlichen Menschen angewiesen ist. Und daher rührt wohl auch die Verwirrung dieses Textes in dem Privat und Öffentlich nicht getrennt und sogar verwechselt werden. Die Verdrängung des Umstandes dass die jeweils einzelne Entfaltung ihren Preis und ihre Grenzen hat denen man zustimmt mit jeden Tag an dem gearbeitet wird, an dem ich arbeite. Wenn die faktische Arbeitsleistung als gutes Gewissen (Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheins) angegriffen wird weil das gute Gewissen seine Haltbarkeit verloren hat die in der Zustimmung bestand die für solch ein Unterfangen eine absolute sein oder dazu gemacht werden muss um die Totalität des Zwanges zu verschleiern der alles Geschehene ohne Widerstand und Widerspruch hinnimmt. Die Gelassenheit die sich am Ende einstellt verwischt die Grenzen der festen Formen des Privaten und Öffentlichen weil beide als aufgegebene hingelegt werden. Die Unzulänglichkeit die jeweils von ihrer Verhärtung herrührt ist es die eine Gleichheit herstellt und die Differenz als nicht vorhanden einklagt. Individuum und Gesellschaft fallen zusammen, der Freitod die Handlung das Individuum zu bewahren ohne es retten zu können.
rockefeller