Die Deutschen und ihr Wald – eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, Berlin, 2.12.2011 bis 4.3.2012

Die Ausstellung beginnt mit Tacitus im Zeugenstand der durch seine Aussage (Zitat am Beginn) den Beweis antritt für den Deutschen Wald. Damit ist er eingeführt und festgesetzt, unhinterfragbar: Es gibt ihn, den Deutschen Wald. Nun soll der Besucher also das Deutsche des deutschen Waldes kennenlernen. Den Auftakt macht die Vermessungstechnik die sich ihre Deutschheit im Deutschen Wald angeeignet hat, nämlich Genauigkeit, Beharrlichkeit und Präzision führten des Forschers Erfolg zu Ruhme. Und weiter schlendert man an den alten Baumstudien vorbei bis hin zu den doch bekannten Ölschinken aus der deutschen Romantik. Das Gestellte hält das am Eingang versprochene:

„Der Deutsche Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume, mehr als nur Holzbestand, Ökosystem oder Freizeitpark. Voller Geschichten spiegelt er die Geschichte der Deutschen. Sie haben schon lange eine tiefe Beziehung zum Wald. Vor allem seit der Romantik wird er zum Gegenstand der Dichtung, Kunst und Musik, aber auch der Politik. Der Wald hat sich fest im deutschen Bewusstsein verankert, und prägt unser kulturelles Selbstverständnis – nicht allein dann, wenn wir unter Bäumen wandeln.“

Und in diesem letzten Satz steckt die Motivation der Ausstellung: Das deutsche Bewusstsein ist unser Bewusstsein, also eine Wiederverbindung des außer sich geratenen Geistes mit seinem eigentlichen Staatsbürgerselbst und das nicht nur im Walde sondern überall wo das Deutsche geht und steht. Das Unheimliche ist das ehemals Heimische, Altvertraute, es ist das Heimliche-Heimische das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist (S. Freud). Nur dass es offenbar in diesem Fall niemanden gruselt und graut im Deutschen Wald, nahtlos sind die Übergänge von der deutschen Romantik hin in die NS Kultur und den Heimatfilm der 50er Jahre. Der Deutsche Wald bleibt ideologisch unversehrt und die Politisierung ist nicht das was ihm zugrunde liegt sondern was ihm widerfährt. Harmlos reihen sich Schnitzereien von KZ Häftlingen aus Sachsenhausen an Stacheldraht“Wunden“ des Eisernen Vorhangs, doch nur letzterem Holzbestand wird beigefügt dass es ein Sinnbild für die Gewaltgeschichte Deutschlands sei, das arme geteilte Deutschland. Nicht das, was Deutschland getan, sondern was ihm angetan war grausam, doch, gebildetes Bewusstsein am Heimatfilm, „… der Ersatz für den Verlust der Heimat und für gescheiterte Hoffnungen und Ideologien“, bildet sich im Osten eine teils „antistaatliche“ und im Westen eine „starke“ Umweltbewegung heran. Nun, im geeinten Deutschen Land hat sich „die Sorge um den Wald bis heute erhalten“.
rockefeller

Der 27. Januar in Farbe

Am 27. Januar 1945 wurden die verbliebenen Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau von alliierten Truppen befreit.
Am 27. Januar 2012 tanzten in der Wiener Hofburg deutschnationale Uniformträger. Das allerdings war Zufall.

Das kommunale Kino Metropolis in Hamburg zeigt eine Reihe mit dem unverfänglichen Titel „Ufa in Farbe“ und spielt am 27. Januar den Film „Die Frau meiner Träume“ (D 1944). R: Georg Jacoby,. D: Marika Rökk, Wolfgang Lukschy u.a.

Marika Rökk war das Energiebündel der Ufa-Industrie während des Nationalsozialismus und darüber hinaus, „Traumpartnerin“ des jüngst endlich abgelebten Johannes Heesters und der personifizierte Vorsprung der reichsdeutschen gegenüber der US-amerikanischen Filmindustrie dank „Paprika im Blut“ (Film-Kurier, 1939).
Georg Jacoby war beileibe kein Veit Harlan, er war bloß ungefähr das für Marika Rökk, was Veit Harlan für Kristina Söderbaum war und drehte ein paar Durchhaltefilme für die Ufa.
Die Frau meiner Träume ist einer dieser Durchhaltefilme, und seine Aufführung am 27. Januar 2012 ist nicht gerade eine Überraschung für im Deutschen aufgewachsene Menschen. Wer hat nicht im zarten Kindesalter die Sternstunden der reichsdeutschen Komödienproduktion der 1940er Jahre im Nachmittagsfernsehen bestaunt? Wer wurde nicht von Eltern, Großeltern oder Lehrpersonal mit drolligen Meisterwerken wie „Die Feuerzangenbowle“ oder „Herrn Josefs letzte Liebe“ bekannt gemacht?
Nein, Die Frau meiner Träume im Metropolis Kino ist keine Sensation, auch nicht am 27. Januar.

Dass Filme, die zwischen 1940 und 1945 in Deutschland produziert, gefördert und preisgekrönt wurden, runde siebzig Jahre später kommentarlos aufgeführt werden; dass also betont auf den unverzichtbaren Hinweis verzichten wird, dass die Liebesgeschichten, die Komödien, der aufwändige Abenteuerfilm auf ihre Weise genauso „kriegswichtig“ waren wie antisemitische Propagandafilme; dass man sich schließlich nicht entblödet, die betreffende Reihe schlicht Ufa in Farbe zu nennen und also die Möglichkeit einer rein ästhetischen Betrachtung der ganzen farbigen Pracht suggeriert, statt sich damit auseinanderzusetzen, warum es für das nationalsozialistische Deutschland so wichtig war, eben in Farbe zu produzieren und noch 1945 mit einem überdimensionierten und teuren Projekt wie Münchhausen zu triumphieren: All das ist weder sensationell noch schrecklich überraschend, es ist nur schlicht zum Kotzen.

Mr. or Mrs. Gentile would like to thank smart Marie for a small phrase on color.

„You know times where a changing, same thing but something else.“ Happy Birthday Odetta! 1930 was a good year.

„Deutschland gibt es nicht, flüsterte ich, entgegen den Tatsachen allgemeiner Erfahrung“

(Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheins) in Bezugnahmen auf Jungle World Nr.42, 13.10.2011 „Horror vor dem Sommer“

Selbstmord ist ein gesellschaftliches Tabuthema weil es die radikalste Absage an diese ist, mehr noch, unausweichlich die Zwänge der Formen sichtbar macht die bis ins kleinste Detail eines Lebens reichen, von denen zwischenmenschliche Beziehungen entstehen und bestimmt werden. Die Einsicht der Unveränderlichkeit prägt den individuellen Entschluss sich herauszunehmen. Kein Ja kann so deutlich sein wie dieses Nein. Es umfasst die eigene Person als Staatsbürgerin genauso wie das Moment wo sie vermeintlich frei davon ist und erkennt die Vermeintlichkeit genauso wie die Unmöglichkeit der dialektischen Zusammenhänge die über sich selbst hinausgehen könnten. Wenn das eigene Zeit verbringen unmöglich wird, und das ist es zu allen Tagen jeden Tag gewesen weil es gesellschaftlich der Rechtfertigungsstruktur unterliegt (und nicht nur die Tage sondern auch die Nächte), wenn die eigene Zeit nicht mehr verbracht werden kann weil die Anstrengungen über die eigenen Möglichkeiten nicht hinausgehen sondern ihnen unterliegen dann hat der Tod schon Einzug genommen im Leben und seine Umsetzung ist eine Frage der Seite auf der ich mich befinde (die wiederum die Sicht bestimmt die ich habe). Der Selbstmord macht unausweichlich deutlich dass es nicht ein Existieren außerhalb der gesellschaftlichen Realität gibt und dass die Zustände immer meine sind. Das Hie und Da von W. Benjamin, das Aufblitzen des Anderen (zur Kritik der Gewalt) kann immer passieren wenn Menschen sich begegnen doch niemals kann mir die Entscheidung abgesprochen werden dass das Hie und Da zu wenig ist als dass es bestimmend werden kann, ihm liegt es allein das Nein zu hinterfragen aber niemals die Qualen des Alltags zu relativieren die immer da sind. Immer bedeutet ein Leben lang, mein Leben lang denn das Leben lebt nicht (Adorno). Der Selbstmord ist wieder ein Ort an dem vom Humanen oder Inhumanen nicht gesprochen werden kann vielmehr legt er unausweichlich ihren Inhalt dar und dieser muss nun von allen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang Existierenden verdrängt werden wenn es einen nächsten Tag geben soll (für die welchen an diesen Begriffen festhalten wollen). Denn Human bedeutet nie mehr als Überleben zu dürfen für manche – nicht für alle. Was Überleben bedeutet und wer dazu berechtigt ist ist der allgemeinste Ort des Denkens eines Abstraktums: Gesellschaft. Nie hat diese Überlegung etwas mit einem konkreten Individuum zu tun, weiter ist also eine Ästhetisierung des sich gemachten Inhaltes zur reinen Form. Nur so kann Gesellschaft als solche überhaupt verstanden werden wenn sie in ihrer Bestimmung nicht vollkommen obsolet bleiben soll. Diese reine Form also ist das Wie des Überlebens das wiederum direkt das konkrete Individuum, mich, bestimmt.

Es ist eine allerletzte Respektbekundung die eine Gesellschaft machen kann indem sie den Selbstmord als Freitod wahrnimmt – der freiwillige Entzug aus dem Leben – und in diesem Leben ist sie auch immer mit einbezogen weil Individuum, egal wie einsam es ist, aus und durch sie kommt. Wenn ein Mitglied der Gesellschaft Nein sagt so gilt es vor allen Dingen sich selbst zu befragen anstatt in der Psyche des jeweils einzelnen herum zu graben der niemals mit sich alleine war außer in diesem intimen Moment des Todes, zum einzigen Mal in einem Leben wahrscheinlich. Es gilt die Verknüpfungen zu betrachten eher als die Isolierung. Nicht um den Toten zurückzuholen oder andere zu retten aber um den Geruch der Verdrängung oder auch Parfümierung zu filtern.
Genauso wenig wie der Selbstmord als Freitod kann es auch kein Recht darauf geben denn dies ist tatsächlich der einzige Bereich in dem eine Person nicht mehr als Rechtssubjekt fassbar wird und alle Religionen die mit einem Jenseits spielen versuchen den Tod noch zu verstaatlichen. Alleine deshalb schon sollte niemand nicht Materialistin sein.

Der Autor des in der Jungle World erschienen Artikels „Horror vor dem Sommer“ der sich mit der Selbstmordrate der jungen Türkinnen Berlins auseinandersetzt macht nun ganz erstaunliche Argumentationsbögen die Zeuginnen der Unfähigkeit sind Selbstmord zu einem Thema zu machen. Die Passage beginnt mit einem Zitat von Jean Améry, ein den Holocaust überlebender Schriftsteller der sich schließlich 1978 das Leben nahm – dieses verwendet er, der Autor, für die Differenzierung zwischen Selbstmord und Freitod, denn im Fall der jungen Türkinnen könne man wohl kaum „vom letzten Refugium des Humanen“ sprechen. Vielmehr.

Ja, vielmehr was? Jean Améry ist nicht der einzige der über den Freitod was gesagt hat das zitierfähig ist. Was will dieses Zitat das nur angeführt wird um den Inhalt negativ zu verwenden? Es wird eine Differenz eröffnet die den Freitod als soziologisches Phänomen betrachtet, spart dabei aber alle Unterschiede aus die es zwischen der Einzelperson Améry und der Gruppe der Türkinnen gibt. Zugleicht wird das Wort human durchwegs positiv besetzt ohne dabei zu bedenken dass es immer an das andere Wort – überleben (nicht leben) gekoppelt ist. In der Differenz sind also die Ähnlichkeiten begraben die damit hergestellt werden welche durchwegs keinen Sinn machen. Dann noch das Moment das zu Zeiten Jean Amérys es ein Nachkriegsdeutschland war, ein Land der Opfer und Täter zu welcher Zeit sich alle Deutschen in kafkaeske Opfer zu verwandeln schienen, nun aber, im Zeitalter des Deutschlands der jungen Türkinnen, „Ein Wort in aller Munde: – Le miracle économique allemand“ (Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheines), ein Land mit Zukunft scheinbar ohne Vergangenheit und Schicksal. Was für ein Unterschied. Welches Bedürfnis steckt hinter einer solch unsinnigen Verknüpfung? Doch Vergangenheit und Schicksal ins Feld zu führen mit der Unfähigkeit diese mit einer Gegenwart explizit zu verbinden? Den Wunsch nach Verbindung aber der Ahnung dass diese Erfahrbarkeit unaushaltbar wäre so konkret in der eigenen Gegenwart die eine Zukunft haben soll?
Und dann macht der Text weiter mit der durchaus richtigen Beobachtung, dass die Leute die den Freitod wählen nicht unbedingt an Depressionen leiden, wendet sich also gegen die Pathologisierung, spricht davon dass es viel zu wenig Möglichkeiten in den Berliner Strukturen gibt die eine Anlaufstelle sein könnten bevor sie ihren Entschluss umsetzten (zu wenig türkischsprachige Psychologinnen etwa) – nach diesen Ausflug in die Gesellschaft also hält jedoch wieder die Lampe der Privatheit Einzug und es handelt sich um das „Leid der jungen Türkinnen“. Das persönliche eigene also von dem sich der Autor distanzieren kann, das ihn nicht angeht.

Aber das wollte er doch gar nicht – er wollte das Gegenteil davon sagen.

Kommen wir noch einmal zurück zum Begriff des Humanen. Von Jean Améry positiv verwendet und vom Autor des Artikels positiv weitergetragen. Das Humane verweist jedoch auf eine Sphäre die Walter Benjamin als die des Rechts bestimmt hat in welcher Unglück und Schuld als die Gesetze des Schicksals das Recht bestimmen (Walter Benjamin in Schicksal und Charakter). Verschuldung als das persönliche Unglück: dies ist das Rechtssubjekt, die Person, und das Humane ist nun nichts anderes als dieses Recht auf Unglück und Schuld. „Das Recht verurteilt nicht zur Strafe, sondern zur Schuld“ (ebd.). Das Refugium des Humanen ist also folglich entgegengesetzt der griechischen Tragödie die Einsicht in die Unlösbarkeit dieses Zusammenhanges und die Bejahung der Schuld durch die Setzung des Selbstmordes (oder des Freitodes) – die Unausweichlichkeit also in einem Leben diesem Zusammenhang zu entgehen. Es ist Bejahung und zugleich Verweigerung des Rechtszusammenhanges und wie schreibt Améry in Hand An Sich Legen: „… und die Freiheit wird mit dem gewalttätigen Ausbruch aus dem Zwang verschwinden. So ist der Freitod zwar der atemgebende Weg ins Freie, nicht aber dieses Freie selber.“
Wie aber, dann wäre der Freitod die unausweichliche Erinnerung daran dass die gesellschaftliche Zusammensetzung aus Rechtssubjekten auf die Eindimensionalität des natürlichen Menschen angewiesen ist. Und daher rührt wohl auch die Verwirrung dieses Textes in dem Privat und Öffentlich nicht getrennt und sogar verwechselt werden. Die Verdrängung des Umstandes dass die jeweils einzelne Entfaltung ihren Preis und ihre Grenzen hat denen man zustimmt mit jeden Tag an dem gearbeitet wird, an dem ich arbeite. Wenn die faktische Arbeitsleistung als gutes Gewissen (Jean Améry, Expeditionen jenseits des Rheins) angegriffen wird weil das gute Gewissen seine Haltbarkeit verloren hat die in der Zustimmung bestand die für solch ein Unterfangen eine absolute sein oder dazu gemacht werden muss um die Totalität des Zwanges zu verschleiern der alles Geschehene ohne Widerstand und Widerspruch hinnimmt. Die Gelassenheit die sich am Ende einstellt verwischt die Grenzen der festen Formen des Privaten und Öffentlichen weil beide als aufgegebene hingelegt werden. Die Unzulänglichkeit die jeweils von ihrer Verhärtung herrührt ist es die eine Gleichheit herstellt und die Differenz als nicht vorhanden einklagt. Individuum und Gesellschaft fallen zusammen, der Freitod die Handlung das Individuum zu bewahren ohne es retten zu können.
rockefeller

Wen wünschtest du mit uns? – Adorno mit mir in der Deutschen Bahn

Aus einem bestimmten Grund musste ich am Tag vor der 20 Jahresfeier Deutsche Einheit ein Ticket bei der Deutschen Bahn für den ICE Anschluss Berlin-Hamburg kaufen (am Tag der deutschen Einheit würde der deutsche Bundespräsident Christian Wulff Deutschland in seiner Rede als das neue, vollendete und vollkommene Amerika erklären: http://www.youtube.com/watch?v=XGcOCn9fFx0). Vor einem Jahr noch wäre es undenkbar gewesen 70 Euro bezahlen zu können für eine 1,5h Fahrt ohne dafür bezahlt zu werden, auch wenn es ein Notfall gewesen wäre. (Ich weiß das sehr genau, denn vor einem Jahr war dieser Notfall tatsächlich eingetroffen und weißbleichig aufgrund des Preises fast in Tränen ausgebrochen war mein Ich als ich ein Hamburger Architekturbüro am Bahnsteig traf, das ein Gruppenticket für mehr Leute hatte als da waren. Und so kam ich um kein Geld zu einer sehr schläfrigen Zugfahrt.)
Diesmal gab es keine Reisegruppe, dafür ein Jahr lang intensives Arbeiten hinter mir sodass zumindest das Ticket nicht die nächste Miete gefährden würde (meine neuen Winterstiefel aber schon, diese wurden nicht nur gefährdet, sondern tatsächlich auch nie gekauft). So setzte ich mich entspannt und zufrieden mit meiner Entscheidung in ein Sechser-Abteil das dann auch voll wurde mit: einem deutschen Bio-Vater und seiner Tochter die beide die reservierten Plätze am Fenster hatten wo er aus selbigen zu starren begann noch ehe der Zug losfuhr und sie eine Mädchenzeitung auspackte und die Fahrtzeit über keine andere Seite untersuchte als die wo besprochen wurde ob es Ok wäre Seine Sms zu lesen. Mir gegenüber ein freundlicher Grün-Wähler mit der aktuellen Claude Lanzmann Biografie die sich „superflauschig“ lesen lasse, dem daneben einer der Spiegel Zeitung Redakteure mit einem Buch über Verschwörungstheorien des Nahen Ostens, ihm gegenüber eine Frau mit Wollsocken, die sich auf ihren Sessel zusammenkuschelte und die ganze Fahrt über Tagträume. Und ich. Mit meinem Laptop auf meinen Knien bis ich keine Ideen mehr hatte und dann hab ich Adorno aus meiner Tasche gezogen, „Vermischte Schriften. Band 1″ und mich neugierig auf den kleinen Text gestürzt in dem er zu erklären versucht, wieso er nach Deutschland zurückgekehrt sei. Spannend auch dass Adorno tatsächlich sich erklären wollte um Missverständnissen aller Art wohl vorzubeugen. Und die Gründe dafür sind nicht solche die einen aufjuchzen lassen, vielmehr ging es um die Notwendigkeit überall so viel tun zu müssen so auch in Deutschland – und, weil der eigene Kulturraum, das Bekannte – ihn dazu besser befähige dort als wo anders. Ungeachtet des Wissens nichts ausrichten zu können am Ausgerichteten so doch an Kontinuität des eigenen Tuns festzuhalten und nicht aufgeben wollen, seine eigene Kindheit zurückzuholen, verwandelt. Bestehen darauf, dass dies möglich sein muss und dafür einstehen, dass dies ohne die Wirklichkeit des Deutschen Nationalcharakters geschehen müsse. Wie fern diese Idee auch schon damals dem Deutschen Volke war zeigen die zwei folgenden Interviews, einmal für die Süddeutsche und einmal für den Spiegel, jeweils aus dem Jahre 1969. Dass es eine Kontinuität im eigenen Tun gibt setzt voraus, dass es auch eine Kontinuität dessen gibt, warum man tut. Wenn man nun ein negativer Dialektiker wie Adorno ist bedeutet dies dass es immer noch der „Verhärtung und Wiederholung des Unheils“ entgegenzuarbeiten gilt solange es Kinder für Deutschland geben wird (und wer könnte behaupten dass diese nicht, und gerade im Jahr des Wm-Ficks, geboren werden, einstmals gab es ein Kind für Helmut, nun eines für die Merkel). In die Runde blickend den letzten Satz des Amerika-Aufsatzes: … An den herrschenden Geist hier so wenig Konzessionen machen wie an den drüben … Ob hier irgendwer mal an den herrschenden Geist nicht als Modeerscheinung gedacht hat, oder als Haltung die man anstreben muss? Ja, es ist nur ein Zugabteil im ICE, aber dies ist nun auch wirklich keine komplizierte Überlegung die anstellbar ist. Aber wenn ein Zugticket schon so viel kostet kann man sich, nun ohne polemisch zu sein, dies wohl auch gar nicht leisten, will man auch nicht ob der Sicherheit in der sein Arsch durch die deutsche Landschaft die so sehr der eigenen Seele gleicht, die man immer noch zu besitzen pflegt, geschoben wird.
An dieser Stelle jedoch musste ich mich dem Interview mit der Süddeutschen widmen mit dem Titel „Kritische Theorie und Protestbewegung“ in welchem Adorno sehr klar sich gegen den Aktionismus als Pseudoaktivität ausspricht, jedoch die Trennung zwischen Theorie und Praxis weiter aufrecht erhält was sehr schade ist da Theorie doch Analyse der Situation einschließt und anhand dieser dann erst entsteht, sich eine Praxis nur vorstellen kann im Rahmen des Grundgesetzes. Und an dieser Stelle dachte ich mir: Oh Teddy! What have they done to your Song? Diesen Wunsch der Rückkehr nach Deutschland und die Überlegungen dazu haben dich wohl an die Stelle gebracht wo du zumindest einige Dinge für unbedingt annehmen willst – und das ist das Grundgesetz. Von den drei Besatzungszonen eingerichtet, wobei die Franzosen gegen eine deutsche Staatsgründung waren – allerdings als einzige diese Idee schön fanden – sollte es die Kriterien eines Rechtsstaates garantieren – und das kann doch nicht die Ankunft am Gewollten sein. Die Ewigkeitsklausel im selbigen Grundgesetz (23.05.1949 – und mit ihm die Gründung der Bundesrepublik Deutschland) enthalten ist der Inbegriff dafür, dass es keinen besseren Kompromisszustand wünschen kann, wenn denn „im Rahmen der Grundgesetze“ eine veränderte Praxis gedacht wird. Der Staat als Lebensform, dazu passt denn doch auch ganz gut, das folgende Spiegel-Interview das sich wie ein Polizeiverhör liest geführt von einem Redakteur, der an ein Buchstabieren lernendes Kind erinnert das möglichst richtig ohne zu verstehen versucht sich zu beweisen. Darin wird Adorno immer wieder zurückgeführt auf seinen Status als „nur“ Theorie-machenden Professor. Am Anfang noch souverän von der Wichtigkeit der Theorie erzählend geht es über in eine Rechtfertigung und am Ende dann doch nur noch eine resignierende Bemerkung ob des unfähigen Gegenüber zu einem Gespräch dass er gerade an einem großen ästhetischen Buch arbeite. Ein gekonnter Witz auf Kosten der Dummheit des Spiegel Vertreters der daraufhin das Interview für beendet erklärt.
An dieser Stelle setzt meine Bewunderung ein für jemanden der Worte und Arten findet, die Umstände so radikal und kompromisslos zu benennen und zu kennen.
Dann ein Weiterblättern an die Stelle wo er über Max Horkheimer spricht, mit so viel Achtung und Respekt, ein Freund, von dem er sich sein Leben lang nie getrennt hat, von dem er wohl einen der wesentlichsten Gedanken lernte: “ … dass die Möglichkeit das Andere zu wollen nicht mit dem Verzicht auf das eigene Glück erkauft werden müsse.“
Wieder ein Blick in die Runde – und einen auf die Uhr – noch 15 Minuten bis der Zug in Hamburg Hamburg einfahren würde. Die ersten fingen schon an ihre Dinge einzusammeln. Ich hingegen erging mich in dem Erstaunen wie schnell die Fahrt am Ende doch wirklich ist und die Wut verdrängend wie viel doch dafür verlangt wird dass es möglich ist solch eine einfache entspannte Fahrt zu haben. Eine Verschreibung ans Wertgesetz die derart gemacht ist, dass man um ein gutes Leben um Erlaubnis bitten muss, die Erlaubnis bekommt man nur unter der Bedingung, lebenslang für den Erhalt einer fiktiven Figur zu arbeiten die real ganz viele Körper und Persönlichkeiten als Repräsentanten hat welche die Fiktion als echt und ewig wahr halten.
Mein Leben als meines träumend entstieg ich dem ICE in einen sonnendurchleuchteten Herbsttag der gerade erst begonnen hatte hinein auf einen Freund zu.
rockefeller