Die Etikettierung „Epochenroman“ hätte darüber hinaus einer zentralen Thematisierung des Holocaust bedurft, die aber im „Doktor Faustus“ unterbleibt.
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Zentral ist es nicht Dr Faustus im Gestus des Epochenromans zu lesen und unzutreffend ist es, den Auftritt des Teufels mit dem von Goethes Faust gleichzusetzen (und diesen wiederum mit den Vorgesetzten der Beamten des NS-Deutschland). Wenn er auch aus einer Auseinandersetzung mit diesem resultiert – aber eine andere Figur als dieser tritt dort auf, auch ein anderer als der der Amerikanischen Crossroad den Robert Johnson getroffen hat. Wenn dieser mit dem Teufel Side by Side ist wendet er sich ihm zu um sich abzuwenden von einem Schicksal das angeblich unveränderbar er als das seine hätte anerkennen müssen.
Adrians Pakt mit dem Teufel beinhaltet etwas anderes – ungeachtet der Geschehnisse, also ungeachtet dessen was in einer Gesellschaft Werte und Richtlinien zum Ethos der Arbeit sind in diesen seinen Erfolg zu garantieren. Nicht umsonst wird am Ende, wo er zurückgezogen auf dem Land lebt er in einer Arbeitsweise beschrieben die aus acht Stunden pro Tag besteht mit dem Unterschied zu einem Büroalltag, dass er sich nachmittags ein Schläfchen gönnt (also eine etwas längere Mittagspause als üblich vorgesehen): „Lädt aber Einer den Teufel zu Gast, um darüber hinweg und zum Durchbruch zu kommen, der zeiht seine Seel und nimmt die Schuld der Zeit auf den eigenen Hals, daß er verdammt ist.“ (Adrian in Dr Faustus, Fischer 2008, S. 658) Nicht eine Aktualisierung findet statt die da gehen würde Goethes Mephisto-Idee auf das herrschende Deutschland zu übertragen sondern eine Auseinandersetzung mit dem Wissen dass es eine deutsche Tradition gibt und diese nicht ablösbar ist von der Mittäterschaft, dass eine Existenz die sich darin wiederfand nun konfrontiert ist damit dass sie dem Begriff der Tradition sich nie verweigert hat. Es ist eine Schuldaufnahme von einem der gedacht hat dass das Wirken ohne politische Einbindung möglich ist, es ist die Beichte eines Bürgers (im Sinne von bürgerlich) die Zeugnis ablegt über die Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit (ebd. 648) die alleine es möglich macht den Holocaust als Faktum anzuerkennen ohne seine eigene Existenz damit beenden zu müssen. In jedem Satz dieses Buches ist der Holocaust präsent und nur ein potenzieller Wiedertäter kann eine Sprache verlangen die um der Repräsentanz willens ist zugunsten eines Endes das ein Vergessen sein soll. „Denn die Erinnerung, die nur eine, wenn auch eine der wichtigsten Weisen des Denkens ist, ist außerhalb eines vor-errichteten Bezugsrahmens hilflos …“ (Arendt in Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Piper 2000, S. 9) Und wenn der Bezugsrahmen einer ist der sich dem verschreibt dass die Vergangenheit eben vergangen ist und nicht anerkennt dass die Vergangenheit noch nicht mal vergangen ist, dann verliert die Erinnerung an Bedeutung.
Aber an dieser Stelle noch einmal zurück zur Tradition: „ … ohne Tradition – die auserwählt und benennt, die übergibt und bewahrt, die anzeigt wo die Schätze sind und was ihr Wert ist – scheint es keine gewollte zeitliche Kontinuität und also, menschlich gesprochen, keine Vergangenheit und Zukunft zu geben, nur immerwährenden Wandel der Welt und den biologischen Kreislauf der lebendigen Geschöpfe in ihr.“ (ebd. S.9) Was wir bei Thomas Mann also in diesem Roman finden ist ein Sich bewusst werden davon, dass es in der Tradition der er sich zugehörig findet nicht irgendwo das, was Hannah Arendt als Schatz bezeichnet mehr findet und – und das ist vielleicht noch viel wichtiger, dass er sich nicht im klaren war, dass es diesen Schatz dort nicht zu finden gibt. Und das letzte Appell das er Fitelberg überlässt, er ein Manager, dass die Deutschen es doch den Juden überlassen sollten zwischen Deutschland und dem Rest der Welt zu vermitteln damit die Sache ein gutes Ende nehme ist wohl ein irriger Trugschluss aus dem bürgerlichen Denken heraus eine Idee die sich weigert das letzte anzuerkennen was wahr ist am Mangel der sogenannten Tradition, auch gerne Testament, die Wahrheit die in der Ausweisung der Lüge des Satzes „Arbeit macht frei“ steckt: Jedes dieser Worte ist wahr, zusammengenommen sind sie eine Lüge und die Wahrheit dieser Lüge wird nicht im Bürgertum wiederzufinden sein, auch nicht im Nichts von Thomas Mann „Dann ist nichts mehr. – Schweigen und Nacht. Aber der nachschwingend im Schweigen hängende Ton, der nichts mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht.“ Bei Fritz Lang in Auch Henker müssen sterben aus dem Jahr 1943 heißt es: Niemand ist Niemand, weder Mutter noch Vater, keiner, nicht einer. Dieses Licht in der Nacht ist es, was diesen Roman so schauderhaft macht.
rockefeller
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